Biografie

John Ronald Reuel Tolkien (03.01.1892 – 02.09.1973)

J.R.R. Tolkien – mit vollem Namen John Ronald Reuel Tolkien und Rufnamen Ronald – wurde am 3. Jänner 1892 in Bloemfontein in Südafrika geboren, wo sein Vater Bankmanager war. Der Name Tolkien geht auf den deutschen Familiennamen “Tollkühn” seiner väterlichen Vorfahren zurück, die im 18. Jahrhundert aus Sachsen nach Großbritannien gekommen waren. Ronald verbrachte seine ersten drei Lebensjahre in Südafrika, dann kehrte seine Mutter Mabel mit ihm und dem jüngeren Bruder Hilary Arthur nach England zurück, da ihnen das heiße Klima nicht bekam. Der Vater, von der Bank unabkömmlich, blieb in Südafrika. Aus der als vorübergehend gedachten Trennung wurde aber eine endgültige: der Vater erkrankte schwer und starb völlig unerwartet im Februar 1896.

Mabel musste mit bescheidenen Mitteln auskommen, und fand für sich und ihre Söhne eine Unterkunft im Dorf Sarehole bei Birmingham. Dort lernte Ronald die englische Landschaft und Natur kennen, die er so sehr liebte und die großen Einfluss auf seine Werke haben sollten. Die Kinder wurden anfangs von der Mutter unterrichtet, und schon früh zeigte sich Ronalds Begabung für Sprachen. Auch am Zeichnen und an Botanik war er interessiert, und seine besondere Liebe zu Bäumen, wie man sie in Gestalt der “Ents” nachverfolgen kann, rührt aus diesen Tagen. Überdies las er mit Begeisterung Märchen und Sagen, besonders solche mit Drachen, und lernte die Klassiker der Kinderliteratur kennen.

1900 wurde Ronald in die King Edward’s School in Birmingham aufgenommen, eine ausgezeichnete Mittelschule, und obwohl er gerne zur Schule ging, fiel ihm der Wechsel vom Land in die graue Industriestadt schwer. Seine Muter war unterdessen zum Katholizismus übergetreten und erzog, trotz des Widerstands ihrer Familie, auch ihre Söhne fest in diesem Glauben. Die finanzielle Situation zwang die Familie öfters zum Wohnungswechsel, und eine Zeitlang wohnten sie neben einer Bahnlinie. Dort sah Tolkien einen Waggon mit walisischer Aufschrift, dies war seine erste Berührung mit dieser Sprache, die ihn auch noch weiters faszinieren sollte.

1904 erkrankte Mabel an Diabetes. Zwar besserte sich ihr Zustand vorübergehend, doch im November fiel sie ins Koma und starb nach wenigen Tagen, mit nur 34 Jahren. Danach gewann der katholische Glaube für Ronald eine noch größere Bedeutung, er sollte ihn immer an seine früh verstorbene Mutter erinnern, und er fand darin Trost. Mabel hatte Father Francis Morgan, der ihr ein wichtiger Freund und geistiger Begleiter war, als Vormund für ihre Söhne bestimmt; und dieser kümmerte sich liebevoll und gewissenhaft um die Waisen.

In der Schule lernte Ronald Latein und Griechisch, beschäftigte sich bereits mit Altenglisch, entdeckte Gotisch und begann, eigene Sprachen zu erfinden und Gedichte zu schreiben. 1908 zogen er und sein Bruder in eine neue Unterkunft, wo auch die ein wenig ältere Edith Bratt wohnte, in die sich der Sechzehnjährige verliebte. Pater Francis hielt dies für eine unpassende Ablenkung, da sich der hochbegabte aber arme Ronald ja auf eine Stipendienprüfung für einen Studienplatz in Oxford vorbereiten sollte. Ronald schaffte die Prüfung beim zweiten Anlauf, Edith aber sollte er nicht vor Erreichen der Volljährigkeit mit 21 Jahren wieder sehen dürfen.

1911 zog Tolkien nach Oxford und studierte am Exeter College zuerst klassische Sprachen, Latein und Griechisch, wechselte aber bald zu dem Fach, dem seine wahre philologische Liebe galt, nämlich der englischen, insbesondere der alt- und mittelenglischen Sprache und Literatur, denen er sich dann als Lehrer und Forscher ein Leben lang widmen sollte. Tolkien fand schnell Anschluss, spielte Rugby, wurde Mitglied in einem Essay-Club und beteiligte sich am regen Studentenleben. Er lernte das finnische Nationalepos Kalevala und Struktur und Klangfarbe der finnischen Sprache kennen, die ihn für seine Hochelbensprache, das Quenya, inspirierte. Dank seines besonderen Sprachtalents vertiefte er die Kenntnis vieler anderer Sprachen und der vergleichenden Sprachwissenschaft. Aus seiner Bewunderung für das Altenglische erwuchs wohl schon damals der Wunsch, den – als schmerzlich empfundenen – Mangel an Erzähltradition des angelsächsischen Englands zu kompensieren und eine eigene “Mythologie für England” zu schaffen. Edith hatte er aber nicht vergessen: 1913, gleich nach seinem einundzwanzigsten Geburtstag, bat er sie, seine Frau zu werden. 1916 heirateten sie, nachdem Tolkien sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte und mit einiger Zuversicht auf eine Anstellung an der Universität hoffen konnte. Allerdings war der Erste Weltkrieg ausgebrochen, und Tolkien wurde eingezogen. Von Juli bis Oktober 1916 er- und überlebte Tolkien einige Monate des furchtbaren Stellungskriegs an der Somme in Frankreich. Nach einer Erkrankung verbrachte er längere Zeit in Spitälern und kam nicht mehr an die Front. Die Erfahrungen des Kriegs und der Verlust von zwei seiner engsten Freunde und “Dichterkollegen” aus der Schulzeit, Robert Gilson und G.B. Smith, prägten ihn tief.

Während seiner Genesungsurlaube schrieb er die erste Geschichte seiner Mythologie The Fall of Gondolin, eines der Motive, die er immer wieder, in Vers- oder Prosafassungen, bearbeiten sollte und die Bestandteil von The Silmarillion wurden. 1917 brachte Edith einen Sohn zur Welt, John Francis Reuel, und nach Kriegsende 1918 kam die Familie nach Oxford. Dort arbeitete Tolkien einige Zeit am Oxford English Dictionary (er war für den Buchstaben W zuständig), bevor er eine Stellung als Dozent für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Leeds annahm. Er befreundete er sich dort mit seinem Kollegen, dem Anglisten E.V.Gordon, und beide bereiteten eine Neuausgabe des mittelenglischen Gedichts Sir Gawain and the Green Knight vor, gründeten einen “Wikinger-Club”, in dem Studenten Bier tranken, Sagas lasen und altnordische Trinklieder sangen. Das Buch, das seine Erzählungen oder Gedichte der “Älteren Tage” enthielt und das er später The Silmarillion nannte, war in groben Zügen fertig, doch hielt ihn sein Perfektionsdrang ab, es einem Verleger anzubieten: er begann, die einzelnen Elemente zu überarbeiten und umzuschreiben – was er dann sein Leben lang tun würde.

1920 kam der zweite Sohn, Michael Hilary Reuel, zur Welt, 1924 wiederum ein Junge, Christopher Reuel, der die besondere Freude seines Vaters wurde. 1925 erhielt Tolkien den Lehrstuhl für Angelsächsisch an der Universität Oxford. In Oxford verbrachte Tolkien die nächsten Jahrzehnte und führte ein geruhsames und unspektakuläres Leben zwischen Familie – 1929 kam noch die Tochter Priscilla dazu –, universitären Lehrverpflichtungen, wissenschaftlichen Textbearbeitungen und regelmäßigen abendlichen Treffen mit Freunden und Kollegen. 1926 lernte er C.S Lewis kennen, einen seiner größten Förderer, sie entwickelten eine enge Freundschaft und waren Mitglied mehreren literarischen Vereine. Am bekanntesten wurde jener der “Inklings”. Er entstand Anfang der 30er Jahre und bestand aus einer zwanglosen Gruppe Literaturinteressierter und literarisch Tätiger, die sich wöchentlich im Pub oder in einer der Collegewohnungen trafen, diskutierten und einander ihre neuen Texte vorlasen. Auch Charles Williams zählte dazu. Gemeinsam war ihnen eine eher Modernismus-kritische und christliche Haltung.

Es war eine sehr anregende Zeit für Tolkiens Kreativität: er arbeitete weiter an den Motiven von The Silmarillion, daneben entstanden auch Geschichten anderer Art: aus einer Erzählung für seine Kinder erwuchs der Text zu The Hobbit, der 1937 veröffentlicht wurde – vorher waren nur einige wenige Gedichte Tolkiens gedruckt erschienen. Seine eigentliche Leidenschaft galt aber der Mythologie, an der er ständige herumfeilte. Allerdings interessierte sich dafür der Verlag viel weniger als für eine Fortsetzung des kommerziell erfolgreichen Hobbit. Tolkien, der durchaus zusätzliches Geld brauchen konnte, nahm dies in Angriff, wusste aber nicht recht, wie er das Thema weiterspinnen sollte. In einem langen Prozess des Schreibens und Umschreibens, des schöpferischen Stillstands und Wiederraufrollens entwickelte Tolkien die Grundzüge für die epische Erzählung The Lord of the Rings, und verdichtete und volledete sie: es gelang ihm, den Erzählstrang von The Hobbit an die Elemente seiner viel weiteren und komplexeren Mythologie anzuknüpfen. Wegen seiner Arbeitsweise, die er selbst als “eher finden denn erfinden” beschrieb, und seines Perfektionismus brauchte es zur Fertigstel-lung über 9 Jahre und weitere fünf Jahre bis zur Veröffentlichung! In der Zwischenzeit hatte C.S. Lews die meisten seiner sieben Erzählungen der Narnia Chroniken herausgebracht!

Kleinere Geschichten Tolkiens wurden bereits vorher gedruckt: 1945 Leaf by Niggle, 1949 Farmer Giles of Ham, 1953 The Homecoming of Beorthnoth Beorthelm’s Son. Erst im August 1954 – nach etlichen Jahren der Verhandlungen und des Ringens mit Verlegern (Tolkien wollte The Lord of the Rings nicht ohne das Silmarillion herausbringen) – erschien der erste Band, The Fellowship of the Ring, bei Allen & Unwin, wo auch schon The Hobbit verlegt worden war. Aus Kostengründen wurde das mehr als 1200 Seiten lange Werk auf drei Bände, die in bestimmten zeitlichen Abständen erscheinen sollten, aufgeteilt. Die Rezensionen waren, bis auf einige „Verrisse“, überwiegend positiv und der Verkauf lief recht gut. Mit Spannung wurde der zweite Band, The Two Towers, erwartet, der im November herauskam. Der dritte Band, The Return of the King, erschien erst im Oktober 1955, da Tolkien für die versprochenen Anhänge viel Zeit brauchte. Vor allem in den USA der 60er Jahre wurde dann das Werk bei den Studenten und auf den Universitäten, besonders nach Erscheinen einer Taschenbuchausgabe, berühmt, und es folgten Übersetzungen in eine Vielzahl von Sprachen (1972 gab es die erste deutsche Fassung). Auch Filmrechte wurden bald vergeben. Tolkien sah sich auf einmal berühmt, war zum ersten Mal im Leben etwas wohlhabend und wurde von Fans bestürmt. Manche Leser(innen) belagerten das Haus oder riefen mitten in der Nacht aus den USA an. Diese Seiten des Ruhms, den Personenkult, fand Tolkien unverständlich und unangenehm.

1945 war Tolkien Professor für Englische Sprache und Literatur am Merton College geworden, und er übte bis zu seiner Pensionierung seine Lehrtätigkeit und Studentenbetreuung gewissenhaft aus, obwohl ihm darüber Zeit für die schöpferische Arbeit fehlte. Seine wissenschaftlichen Produkte, meist kritische Ausgaben und Übersetzungen altenglischer oder mittelenglischer Texte wie Beowulf oder die Gedichte Pearl und Sir Orfeo entstanden meist vor dem Zweiten Weltkrieg, sie sind nicht allzu zahlreich, galten aber wegen Tolkiens Genauigkeit, Ernsthaftigkeit und spürbarer Leidenschaftlichkeit als beispielhaft.

1959 ging Tolkien in Pension; obwohl ihm nun mehr Zeit zur Verfügung stand, ging die Arbeit am Silmarillion (auf das die Verleger jetzt ungeduldig warteten) nur langsam voran, er hatte sich wohl am Schreiben von The Lord of the Rings und der Arbeit an dessen Neuauflagen erschöpft. Nach dem Erfolg des Epos stießen auch andere seiner “Erzeugnisse” auf Interesse, so die Kindergeschichten Mr. Bliss und Roverandom; 1962 wurde die Gedichtesammlung The Adventures of Tom Bombadil, 1969 die Erzählung Smith of Wootton Major veröffentlicht.

Ediths Gesundheit war nicht gut, und 1968 bezog das Ehepaar ein bequemeres Haus in Bournemouth an der Südküste Englands. Tolkien war damit zufrieden, denn Ediths Wohlbefinden lag ihm am Herzen. Sie hatte sich in Oxford nie recht wohl gefühlt und schätzte den – wohl weniger akademisch orientierten – Freundeskreis in Bournemouth. Nach drei Jahren erkrankte Edith an einer Gallenblasenentzündung und starb am 29. November 1971. Der tief getroffene Tolkien zog zurück nach Oxford, wo ihm das Merton College, dessen Ehrenmitglied er war, eine kleine Wohnung zur Verfügung stellte. Er verbrachte viel Zeit mit seinen Kindern und deren Familien, und dachte über seine ‚Mythologie’ nach. Er bestimmte, dass Christopher, der sein Werk und seine Absichten am besten kannte, das Silmarillion fertig stellen sollte, falls er selbst es nicht mehr schaffen würde. Es gab Ehrungen und Ehrendoktorate, und 1972 wurde er von der Queen empfangen und empfing den Orden C.B.E. (Commander of the British Empire). Im August 1973 war er in Bournemouth, und musste von einer Geburtstagsfeier bei Freunden mit einem blutenden Magengeschwür ins Spital eingeliefert werden. Eine Lungenentzündung kam dazu, und er starb am 2. September 1973 im Alter von 81 Jahren.

Das Silmarillion, dessen Veröffentlichung ihm noch mehr als The Lord of the Rings am Herzen gelegen war, wurde schließlich vier Jahre später von Christopher Tolkien herausgegeben. Dieser publizierte in weiterer Folge auch andere unveröffentlichte Schriften und Textfragmente; besonders die zwölf Bände von The History of Middle Earth stellen eine große Würdigung und einen unschätzbaren Beitrag zum Verständnis der ‚phantastischen’ Gedankenwelt seines Vaters dar.