Erdsee ist anders – Über Ursula K. LeGuins Fantasy-Romane
“Ein Epos vom Weltrang des ‘Herrn der Ringe’” steht auf der Rückseite von Ursula K. LeGuins Erdsee-Zyklus. Solche Vergleiche mit Tolkien kennen wir ja bei sehr vielen Fantasy-Autoren, bei diesem Buch bin ich jedoch der Meinung, dass es ihn verdient hat, es ist für mich nach Tolkien das beste in diesem Genre. Das Fantasy-Werk der Autorin ist eher schmal; die vier Erdsee-Romane umfassen miteinander nicht ganz 1000 Seiten, dann gibt es noch einige kürzere Texte, die ebenfalls in der von ihr erfundenen Inselwelt spielen. (Vielleicht kennen einige die Erzählung Drachenkind aus der bekannten Anthologie Tolkiens Erben.)
Erdsee ist ein Reich, das aus zahlreichen großen und kleinen Inseln besteht, und das Hauptthema der Geschichten ist die Magie. Eine wichtige Rolle in allen Büchern spielt der Magier Ged, dessen Taten nach seinem Tod in zahlreichen Liedern besungen werden. Der Magier der Erdsee ist eigentlich genauso ein Entwicklungs- wie ein Fantasy-Roman und erzählt von seiner Jugend und Lehrzeit und davon, wie er schließlich seinen Weg findet. In Die Gräber von Atuan ist die Hauptfigur Tenar, die auf einer anderen Insel Priesterin ist, Ged kommt jedoch gegen Ende wieder ins Spiel. Das ferne Ufer führt ihn mit dem Prinzen Arren auf eine gefährliche Queste ins jenseitige Reich. Der letzte Band Tehanu wird wieder aus der Sicht Tenars erzählt; es geht darin um sie und ein Kind, dass sie bei sich aufgenommen hat.
Was ist nun an diesen Büchern so Besonderes? Ursula K. LeGuin bedient sich vieler klassischer Fantasy-Motive, indem zum Beispiel Zauberer und Drachen bei ihr eine wichtige Rolle spielen. Doch ihre Erzählweise ist eine grundsätzlich andere. Die Handlung ist stark an die Personen und ihren Charakter gebunden; die Konflikte und Kämpfe, die sie austragen müssen, mögen zwar von großer Bedeutung auch für ihre Umwelt sein, spielen sich aber auf einer “kleinen” Ebene und von vielen unbemerkt ab. Die Sprache wirkt eher ruhig und erinnert teilweise an den Erzählstil von Märchen; die Bücher sind spannend, aber es gibt keinerlei Action oder Beschreibungen von Schlachten. Besonders schön sind dagegen die Dialoge ausgearbeitet. Der vierte Band enthält besonders viele Gespräche, die die Handlung überhaupt nicht vorantreiben, aber sehr poetisch sind und Einblicke in den Charakter der Protagonisten und die Welt Erdsee geben. Diese Dialoge spielen sich vor allem zwischen Tenar und der Dorfhexe Tantchen Moor ab, und ich wage zu behaupten, dass aus dieser anderen Art zu erzählen speziell der Blick einer weiblichen Autorin spricht.
Besonders der erste Band beschäftigt sich viel mit Magie, doch wie diese in Erdsee aussieht, bleibt nicht vage. Es ist an vielen Stellen davon die Rede, wie Magie überhaupt funktioniert und was ein Zauberer dabei berücksichtigen muss, welche Verantwortung er trägt. Dies wird zum Großteil in Form von Lehrer-Schüler-Gesprächen auf Geds Akademie mitgeteilt.
Ursula K. LeGuins Werk wurde in den U.S.A. bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, bei uns ist sie aber meines Wissens eher noch ein Geheimtipp, zu Unrecht, wie ich finde, denn Erdsee ist die “Schöpfung”, die mir nach Mittelerde am besten gefallen hat. Als ich viel zu schnell damit fertig war, bin ich auf ihre Science-Fiction-Romane ausgewichen. Hier habe ich zum Glück noch einige vor mir, denn ich finde sie ebenfalls sehr beeindruckend, vor allem Die linke Hand der Dunkelheit. Und auch diese sind für Science-Fiction nicht unbedingt typisch und, wie die Erdsee-Romane, unabhängig vom Genre außergewöhnliche, lesenswerte Romane.

