Lilith

Auf dem Programm steht diesmal ein Buch, das Tolkien selbst gelesen hat und von dem vor allem sein Freund C.S. Lewis begeistert war, der Fantasyroman “Lilith” von George MacDonald, der 1895 erschienen ist.

Der noch eher bekannt anmutende Anfang der Geschichte über einen jungen Mann, der sich durch einen Spiegel in einem verborgenen Zimmer in eine fremdartige Welt verirrt, wird bald von einer komplexen Handlung voll von Hinweisen auf alte Mythen und allegorischen Figuren abgelöst. Der Ich-Erzähler mit dem sprechenden Namen Mr Vane erkennt bald, dass er bisher noch keine Ahnung hat, wer er ist, was seine Individualität ausmacht und worin sein Leben – oder das Leben im Allgemeinen – besteht. So macht er sich auf die Reise, begegnet rätselhaften Wesen und durchlebt in Stationen verschiedene Abenteuer, bis er schließlich nach und nach klarer sieht, was seine Aufgaben in dieser und jener Welt sind.

Der Roman zeichnet sich vor allem durch seine Stilvielfalt aus; er enthält viele romantische und unheimliche Elemente, die etwa an die Märchen von E.T.A. Hoffmann erinnern; manche Episoden erscheinen wiederum als Parabeln mit konkret-moralischem Inhalt, etwa wenn MacDonald eine Bewohnerin der fantastischen Stadt Bulika auf die Frage über arme Leute sagen lässt: “I suppose they must be poor but we never think of such people. When one goes poor, we forget him. That is how we keep rich.”

Aber der vielleicht wesentlichste Diskurs, der hinter dem Roman steht und auf den der Titel hinweist, ist ein religiöser, der auf die Bibel und noch weiter auf Texte der jüdischen Mystik zurückgeht. Daraus resultiert auch das für den Leser von heute etwas fragwürdig anmutende Frauenbild, das sich durch den Text zieht. Wer jedoch ähnlich komplexe Fantasy wie die Tolkiens sucht und sich von der anfangs etwas kompliziert anmutenden Sprache nicht abschrecken lässt, ist mit diesem Roman möglicherweise gut beraten.

Miriam “Nessa” Glasser