Ein Einstieg zum Herr der Ringe – Rezension zu Lin Carter
Tolkiens Universum von Lin Carter ist in der amerikanischen Originalausgabe (Tolkien: A Look behind the “Lord of the Rings”) schon 1969 erschienen, gehört also wahrscheinlich zu den ersten Büchern, die zu Tolkiens Werk veröffentlich wurden. Auf Deutsch wurde es jedoch erst im Herbst 2002 übersetzt (List Verlag). Der Autor – er schrieb übrigens mehrere Fantasy-Romane, unter anderem aus dem Conan- und Callisto-Zyklus – gibt darin aus verschiedenen Blickwinkeln eine Einführung in den HdR; es enthält eine kurze Biographie Tolkiens und die Entstehungsgeschichte der Trilogie; außerdem befasst er sich mit Tolkiens Quellen und den Vorläufern der Fantasy. Dabei muss natürlich berücksichtigt werden, dass das Buch noch zu Tolkiens Lebzeiten erschienen ist und sich deshalb nur mit dem HdR und kurz mit dem Hobbit beschäftigt, da die anderen Mittelerde-Werke, die wir heute kennen, vor allem das Silmarillion, erst später veröffentlicht wurden.
Im Ganzen macht Tolkiens Universum den Eindruck, dass es hauptsächlich für Leser geschrieben ist, die sich noch gar nicht oder noch nicht viel mit Tolkien beschäftigt haben. Sogar für die, die den HdR noch nicht gelesen haben, wäre es geeignet, da es eine relativ ausführlich Zusammenfassung des Inhalts enthält. Auch was die Hintergründe, Vorläufer und Quellen betrifft, geht der Autor bei keinem Punkt besonders in die Tiefe, es scheint eher sein Anliegen gewesen zu sein, viele Themen kurz anzureißen. Trotzdem ist das Buch nicht oberflächlich; es enthält einige Informationen zu Werken, die allgemein weniger bekannt sind, für Tolkien aber von Bedeutung gewesen sein dürften. Die Edda und die Siegfried-Sage sind leicht als Quellen des HdR auszumachen, bei den Vorläufern der Fantasy nennt Carter jedoch einige weniger bekannte Autoren und Strömungen, die es sich aber auch zu berücksichtigen lohnt, etwa mittelalterliche Romane wie den Amadis oder Fantasy-Autoren vor Tolkien, darunter E.R. Eddison mit Der Wurm Ouroboros, zu dem sich Tolkien sehr positiv geäußert hat. Zwei Kapitel beschäftigen sich mit seiner Namensnennung und der Entstehungsgeschichte ausgewählter Personen, Orte und Dinge, und auch hier bringt Carter einige interessante Beispiele, etwa der Hintergrund des Namens Earendil. Auch über Tolkiens Mörchentheorie gibt es ein kurzes Kapitel. Sein Schreibstil ist dabei, typisch für ein Sachbuch im amerikanischen Stil, sehr flüssig und leicht zu lesen, und man hat nie das Gefühl, von Informationen überschwemmt zu werden.
Deshalb ist dieses Buch sicher für jene empfehlenswert, die anfangen möchten, sich mit Hintergrundliteratur zu Tolkien zu befassen, aber auch wer schon mehr dazu gelesen hat, kann darin noch etwas Neues finden.

