The Children of Húrin – Rezension

Es ist schon lange her, dass ein Buch mit dem Namen J.R.R. Tolkien als Autor so sehnsüchtig erwartet worden ist wie The Children of Hurin. Am 16. April 2007 konnte sich schliesslich der Leser selbst Antworten auf die vielen Fragen und Spekulationen, die im Vorfeld zu dieser Veröffentlichung angestellt worden sind, geben. Zeitgleich zur englischen Ausgabe (erschienen bei Houghton Mifflin in den USA bzw. Harper Collins in England) sind einige Übersetzungen erschienen, so auch die deutsche bei Klett Cotta (Die Kinder Hurins).

Hält man das Buch erstmals in Händen, kommt man nicht umhin, zunächst die gelungenen Illustrationen von Alan Lee zu bewundern. In dem von ihm gewohnten Stil hat er 8 (bzw. 9, wenn man das Buchcover mitzählt) colorierte Bilder beigetragen. Dazu kommt an jedem Kapitelanfang eine kleine schwarz/weiss Zeichnung.
Herausgeber Christopher Tolkien erklärt im Vorwort die Motivation, die zur Veröffentlichung dieses Buches geführt hat. In erster Linie sollte die Geschichte der Kinder Hurins als in sich geschlossene, durchgehend lesbare Erzählung präsentiert werden, angenehmer zu lesen als die Version im Buch der Verschollenen Geschichten und ohne jegliche editorische Anmerkungen. Ausserdem sei es von vornherein seines Vaters Absicht gewesen, einzelne Handlungsstränge aus dem Silmarillion als eigenständige Geschichten neu zu erzählen. Neben der vorliegenden Erzählung waren dafür noch jene von Beren und Luthien sowie der Fall von Gondolin vorgesehen. Wie bei so vielem kamen auch diese Vorhaben nicht über ein Anfangsstadium hinaus ? mit einer Ausnahme: die Geschichte der Kinder Hurins.

Unter der Prämisse den Text nicht durch Anmerkungen und Erklärungen zu stören, erachtete Christopher Tolkien es als notwendig, eine ausführliche Einleitung voranzustellen, die den Leser in die Zusammenhänge rund um diese Geschichte einführen soll. Es wäre zu wenig, das Schicksal Turins als isolierte Erzählung zu betrachten, denn beispielhaft zeigt sich darin etwa, wo die Wurzeln der Missverständnisse zwischen Elben und Menschen liegen; auch Morgoths grosser Plan wird am Beispiel des Schicksals Turins erst so richtig sichtbar.
Stammbäume sowie eine aktualiserte Landkarte tragen ebenfalls zur leichteren Lesbarkeit bei.

Wenn wir uns nun dem tatsächlichen Text der Erzählung zuwenden, so wird jener Leser, der die Geschichten des Ersten Zeitalters (und darüber hinaus) nicht kennt, im ersten Kapitel doch mit sehr vielen Namen konfrontiert, die ihm unbekannt sind und auch bleiben werden. In fast genealogischer Erzählweise berichtet Tolkien von den Vorfahren Turins, ehe er von den Tagen seiner Kindheit erzählt und so die eigentliche Geschichte über das Schicksal Turins beginnt. Gerahmt wird die Erzählung schliesslich am Ende des Buches vom Schicksal Hurins und Morwens, den Eltern Turins.

Kommen wir nun zu den wohlspannendsten Fragen zu diesem Buch: Was ist neu? Und was ist aus J.R.R. Tolkiens Feder, was aus der seines Sohnes?
Diese Fragen werden im zweiteiligen Nachworts beantwortet, und fallen – wie im allgemeinen erwartet – wenig spektakulär aus.
Im ersten Teil zeigt Christopher im Detail auf, wie die Entwicklung des vorliegenden Stoffes vonstatten gegangen ist, beginnend in den frühen 20er Jahren, mit vielen, oft langen Unterbrechungen bis an sein Lebensende.
Im zweiten Teil des Nachworts äusserst sich Christopher Tolkien zur Zusammenstellung des Textes. Das Quellmaterial war sehr umfangreich: Die Bücher der Verschollenen Geschichten, The Lay of Leithian, Nachrichten aus Mittelerde, Quenta Silmarillion, The Annals of Beleriand, sowie zahlreiche undatierte und unbenannte Manuskripte. Am vollständigsten war die Geschichte in den Nachrichten aus Mittelerde erzählt, folglich diente diese Version Christopher als massgebliche Grundlage für das Buch. Etwaige Lücken wurden aus den verschiedenen anderen Quellen ergänzt, aber auch bestehende Teile wurden durch entsprechende andere Passagen ersetzt, wenn vom Herausgeber als sinnvoll erachtet.
Christopher Tolkien betont, dass ausschliesslich Texte seines Vaters herangezogen worden sind. Einzig einige grammatikalische und stilistische Ungereimtheiten, die sich aus der Zusammenstellung der Texte aus verschiedenen Quellen ergaben, wurden geglättet.

Auf einige wenige weitere Fragen, die sich im Anschluss an die Veröffentlichung von Die Kinder Hurins ergeben haben, möchte ich noch kurz eingehen. So etwa kam die Idee auf, das Schicksal Hurins zu verfilmen. Ich denke, dass dieser Stoff aufgrund der Geschlossenheit in sich viel besser in einem Film umsetzbar wäre als etwa der doch sehr episodenhafte Hobbit. Andererseits wäre ein Ende wie jenes der Hauptfigur Turin für eine Hollywoodproduktion wohl undenkbar.
Die Frage, ob nun auch weitere vergleichbare Bücher zu den Geschichten von Beren und Luthien sowie dem Fall von Gondolin zu erwarten sind, hat Christopher Tolkien verneint, da in beiden Fällen die vorliegende Quellensituation eine vollständige Erzählung nicht zulässt.

Ein letztes Detail möchte ich abschliessend noch erwähnen: im Vorwart dankt Christopher Tolkien seinem Sohn Adam, der ihm massgeblich bei der Erstellung des Vor- und Nachworts, sowie bei der technischen Umsetzung unterstützt hat. Ausserdem hat Adam den Grossteil der Öffentlichkeitsarbeit im Anschluss an die Veröffentlichung übernommen, und sich dabei in vielen Interviews durchaus als Kenner der Materie seines Grossvaters erwiesen. Damit besteht Hoffnung, dass das literarische Erbe auch noch zumindest eine weitere Generation in den würdigen Händen eines Tolkiens liegen wird.

Fazit: All jenen, denen bisher der Einstieg in die Altvorderenzeit aufgrund der sprachlichen und stilistischen Besonderheit des Silmarillion schwer gefallen ist, kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen. All jenen, die den Inhalt der Geschichte schon aus dem Silmarillion und den anderen Quellen kennen, stehen trotzdem ein paar vergnügliche Leseabende bevor, denn der Stoff präsentiert sich erstmals in dieser Ausführlichkeit und in dem ihm ursprünglich zugedachten Rahmen als eigenständiges Werk, und die Geschichte an sich vermag den Leser aufs Neue zu bewegen.